31.01.2014

„Ich als Verein musste doch reagieren!“

WZ-Serie: Unvergessene Vereine

Der Mann, der Fortuna Köln machte: Jean Löring auf der Ersatzbank. Der Kölner war 35 Jahre lang Präsident seiner Fortuna. Fotos: imago

Fortuna Köln wuchs und verging mit Jean Löring. Jetzt hat die Südstadt eine neue Gallionsfigur.

Von Matthias Rech

Harald „Toni“ Schumacher ist längst eine lebende Kölner Legende, als er in Richtung Kabine schlendert. Er ist an diesem 15. Dezember 1999 noch Trainer des Zweitligisten SC Fortuna Köln, der zur Pause 0:2 gegen Waldhof Mannheim zurückliegt. Da tritt im Kabinentrakt ein kleiner Mann mit hochrotem Kopf an den Tünn heran und zischt: „Hau app in de Eifel. Du määs minge Verein kapott. Dur häss hie nix mie zu sare, du W. . .“ Als das Spiel beim Stand von 1:5 abgepfiffen wird, ist Schumachers Platz bereits leer, er ist seit 45 Minuten arbeitslos. Und der kleine Mann mit dem roten Kopf erklärt den Medien: „Ich als Verein musste doch reagieren!“
Die Geschichte von Fortuna Köln ist die von Jean, genannt de Schäng, Löring. Der Elektromeister aus Köln-Zollstock war der Mäzen, der Präsident, der Vater, der Diktator von Fortuna. Er kritzelte „Alles gelogen!“ auf einen Spielbericht, umging als Weihnachtsmann verkleidet eine Stadionsperre, steckte in 35 ahren geschätzte 30 Millionen Mark in den Verein und empfing Fortunas Kicker zu rauschenden Festen auf seinem Schlösschen in der Eifel.

Der Verein ist ohne seinen Mäzen nicht denkbar

Hannes Linßen, ehemaliger Spieler und langjähriger Trainer der Fortuna mit Kultfrisur sagte einst, was alle Fußballfreunde in der Südstadt wussten: „Fortuna ohne den Schäng ist unvorstellbar.“ Löring übernimmt die Fortuna 1966, nachdem er seine eigene Karriere als Fußballprofi wegen aufgeben muss – die Hüfte. Dank Lörings Geld, das aus seiner Firmengruppe sprudelt, gelingt 1973 der Bundesliga-Aufstieg. Es geht sofort wieder runter, doch Fortuna hält sich sagenhafte 26 Jahre in der zweiten Liga. Bis heute Rekord.
De Schäng verquickt Beruf und Leidenschaft. Seine Kicker stehen auf den Lohnlisten seiner Firmen, laut Vereinssatzung haftet er allein für alle Verbindlichkeiten des Clubs. Er holt große namen ins kleine Südstadion. Hans Krankl, Bernd Schuster, Tony Woodcook oder eben Toni Schumacher nahmen auf der Bank neben dem impulsiven „Schäng“ Platz – meist aber nur kurz. 1983 führt der Mäzen „seine“ Fortuna ins DFB-Pokalfinale gegen den Stadtrivalen 1. FC Köln (0:1). Fortuna ist die bessere Mannschaft – aber Pierre Littbarski treffsicher. Knapp vorbei am großen Glück.
17 Jahre und etliche Millionen aus Lörings Privatvermögen später geht alles den Bach hinunter. Ende der 1990er Jahre ist der Schäng mittellos, er hat einen Herzinfarkt, bekommt die Diagnose Darmkrebs. Auf den teuren Möbeln im Eifelschloss klebt der Kuckuck, seine Unternehmen und die Fortuna werden von Steuerschulden in die Knie gezwungen. 2000 steigt Fortuna aus dem Profifußball ab. 2001 ist sie insolvent. „Mein Lebenswerk ist kaputt. Durch die Fortuna ist alles in die Binsen gegangen“, sagt der Schäng 2003. Zwei Jahre später am 6. März stirbt der letzte Patriarch des deutschen Fußballs verbittert und einsam in einem Hospiz – und mit ihm beinahe der Verein.

Ulonska heißt der neue Zampano in der Südstadt

Das Mitmach-Konzept „deinfussballclub.de“ belebt die Fortuna 2008 neu. Jetzt können Fans gegen einen Mitgliedsbeitrag ihre Mannschaft aufstellen und entscheiden, welche Bratwurst im Südstadion auf den Grill kommt. Fast zehntausend Menschen zahlten jährlich 40 Euro, um Manager zu spielen. Doch das Projekt scheitert 2012 am nicht zur Basisdemokratie fähigen Fußballgeschäft. Doch die Fortuna lebt und hat seit 2006 einen neuen großen Zampano.
Klaus Ulonska (71), Ex-Leichtathlet, Unternehmer, Karnevals-Urgestein und Lokalpolitiker, zieht mit der Sammelbüchse über die Tribünen. Unter dem kölschen Meister Propper klopft die Fortuna wieder an die Tür zur dritten Liga. „Es wäre wunderbar, wenn wir unseren Traum vom Aufstieg realisieren könnten. Unter Druck setzen wir uns aber nicht“, sagt der Präsident des Regionalliga-Tabellenführers. „Er gibt der Fortuna wieder ein Gesicht“, sagt Hannes Linßen. Etwa so wie der Schäng früher? Nein. „Niemand ist wie de Schäng.“

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